Gewerkschaft klagt über Erpressbarkeit weiblicher Arbeitskräft

Von unserem Redaktionsmitglied Andreas Zecher

Neubrandenburg. Noch steht es 1:1. Der Bevölkerungsanteil von Männern und Frauen im Nordosten ist annähernd ausgeglichen. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern leben insgesamt etwa 2,15 Millionen Männer und etwa 2,3 Millionen Frauen. Glaubt man den Prognosen der Statistiker in Potsdam und Schwerin, dann wird sich dieses Verhältnis in den nächsten 15 Jahren zu Gunsten der Männer verändern. Grund dafür ist die steigende Abwanderung junger Frauen in westliche Bundesländer und ins Ausland.

Finanziell ist Familienplanung im Osten stärker als im Westen an die Berufstätigkeit von Mann und Frau gekoppelt. Ein Verdiener ist hier in den wenigsten Fällen in der Lage, eine Familie mit einem Kind oder mehreren Kindern so zu versorgen, dass ein durchschnittliches Wohlstandsniveau erreicht wird.

Derzeit liegt der Anteil der Frauen an der erwerbstätigen Bevölkerung beider Bundesländer knapp bei 50 Prozent. Doch bei den Frauen gehen nur zwei Drittel einer Vollbeschäftigung nach. Nach Angaben der Statistiker liegt die Ursache bei den Arbeitgebern. Sie bieten Frauen nicht in dem Ma�e wie Männern eine Vollzeitbeschäftigung an. Nur 14 Prozent der Frauen, die eine Anstellung suchen, wünschen keine Vollzeitbeschäftigung. Das erklärt, dass deutlich mehr Frauen als Männer weniger als 900 Euro im Monat verdienen. Bei den Männern ist es etwa ein Fünftel, bei den Frauen reichlich ein Drittel. Für viele Anlass genug, die Gleichstellung der Männer und Frauen beim Broterwerb in Zweifel zu ziehen und mit der Hoffnung in Richtung Westen aufzubrechen, dass es dort für sie etwas besser aussieht.

Nicht in Zahlen zu fassen

Auch dafür warten die Statistiker mit Zahlen auf. Die besagen, dass es vornehmlich kinderlose Frauen bis Mitte dreiÃ?ig sind, die sich dazu entschlieÃ?en. Die älteren und in die heimische Gesellschaft integrierten Mütter und Ehefrauen haben ein Verharrungsvermögen, das sich nicht mehr in Zahlen fassen lässt. Ã?ber ihre Lage weiÃ? man offenbar in den Gewerkschaftszentralen Bescheid. Bei ver.di in Potsdam und Schwerin hat man Bilder von Frauen in Beruf und Gesellschaft, die reichen von der Lageristin bis zur Ministerin. Während Letztere mit Sicherheit sagen können, warum sie mit Idealismus zur Arbeit gehen, fällt es den Erstgenannten schon schwerer oder sie wollen und können gar nichts sagen, weil sie schlichtweg â??die Schnauze voll habenâ??.

Ute Evers, Geschäftsführerin von ver.di in Schwerin, zeichnet ein Bild vom unteren Ende der beruflichen Attraktivitätsskala, das dem Zuhörer die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. â??Der Wunsch, mit der Familie in vertrauter Umgebung zu leben, macht jene Frauen erpressbar, deren Zuverdienst notwendig ist, um Monat für Monat über die Runden zu kommen. Das geht so weit, dass eine Verkäuferin bereit ist, statt der vier Stunden, für die sie bezahlt wird, acht Stunden am Tag zu arbeiten.â?? Das gelte besonders für den vorpommerschen Raum, wo die Alternative zum Kuschen, Arbeitslosigkeit bis ultimo laute.

Eine Perspektive, von der auf der letzten DDR-Frauentagsfeier vor 15 Jahren kaum jemand geträumt hat. Wohl wissend, dass diese Lebensbilder nur ein Teil des Spektrums, das sich Frauen nach der Wende bietet, sind, gehen die Gleichstellungsbeauftragten im Nordosten zur Arbeit. Sie verweisen darauf, dass die Gleichberechtigung zu DDR-Zeiten es verdiene, in Gänsefü�chen gesetzt zu werden. Sie sei vor allem dem Arbeitskräftemangel geschuldet gewesen, dem nur mit einem hohen Anteil weiblicher Berufstätiger begegnet werden konnte. Von diesem Mangel kann mittlerweile keine Rede mehr sein.

Im Gegenteil, der Arbeitsplatzmangel hat Beobachtungen der Gewerkschafter zu Folge zu einem Geschlechterkampf geführt. Er wird â??Verdrängungswettbewerbâ?? genannt und findet selbst auf Arbeitsfeldern statt, die früher unstrittige Domäne der Frauen waren. â??Im öffentlichen Dienst, in der Kranken- und Alterspflege, im Banken- und Versicherungsbereich drängen Männer den Frauenanteil zurückâ??, sagt ver.di -Frau Evers. Die Art und Weise, wie dabei zu Werke gegangen wird, sei vielfach nicht das Durchsetzen von Kompetenz und Qualifikation, â??sondern einfach der Einsatz spitzer Ellbogenâ??. Dort, wo einst 95 Prozent Frauen beschäftigt waren, seien es heute nur noch 60 bis 70 Prozent.

â??Mädchen und Frauen sind bei der Berufswahl und in ihrer Karriereplanung noch immer benachteiligtâ??, stellt Jutta Gerkan vom Regionalbüro Neubrandenburg der Grünen fest. â??Der überdurchschnittliche Schulerfolg der Mädchen spiegelt sich leider nicht im Berufsleben widerâ??, resümiert sie in ihrer Einladung zum Erfahrungsaustausch anlässlich des Frauentages. 1:1 ist also aus der Sicht vieler Frauen bestenfalls eine optische Wahrnehmung.